Neuer Fleischskandal: Jahrelanger Betrug mit dem Gütesiegel „Neuland“

In ihrer Online-Ausgabe vom 15.04.2014 berichtet „Die Zeit“ über den langjährigen Betrug des größten Geflügelfleischlieferanten für „Neuland“-Produkte. Der Geflügelbauer aus Wietzen in Niedersachsen habe gegenüber der Reporterin des Magazins zugegeben, dass er seit mehr als fünf Jahren konventionell gemästetes Geflügel eingekauft, geschlachtet und dann als Neuland-Geflügel an Metzgereien verkauft hatte. Diese hatten das Fleisch häufig an große Firmenkantinen veräußert, die Kundenliste soll unter anderem die Unternehmen Allianz und Google beinhalten.

Was besagt das Neuland Gütesiegel?

Neuland ist kein Biogütesiegel. Neuland stellt sich auf seiner Website wie folgt dar:
„NEULAND – Verein für tiergerechte und umweltschonende Nutztierhaltung e.V.” mit Sitz in Bonn wurde 1988 gegründet. Der Verein hat die inhaltlichen und organisatorischen Voraussetzungen geschaffen, um NEULAND als ein eigenständiges Markenfleischprogramm aufzubauen.
Gegründet wurde NEULAND nicht als Öko-Programm, sondern als ein völlig neues Konzept. Dabei sind Maßstäbe für eine besonders artgerechte Tierhaltung gesetzt worden, welche inzwischen von vielen Institutionen anerkannt sind. Das Ziel war und ist, eine soziale, qualitätsorientierte, tiergerechte und umweltschonende Tierhaltung mit hoher Glaubwürdigkeit und Transparenz auf bäuerlichen Betrieben zu praktizieren.
Die Tiere werden zu einem angemessenen Preis, welcher die Existenz der landwirtschaftlichen Betriebe sichert, aufgekauft. Nach der Schlachtung werden sie an NEULAND angeschlossene Fleischerfachgeschäfte, Großküchen und Gastronomie weiterverkauft.
Es ist eine Besonderheit, dass NEULAND nicht von der Fleischer- oder Schlachterbranche gegründet wurde, sondern von fünf gesellschaftlichen Verbänden, von denen heute noch der “Deutsche Tierschutzbund” (DTSchB), der “Bund für Umwelt und Naturschutz” (BUND) und die “Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft” (AbL) als Trägerverbände fungieren.
Gerne können Sie den Imagefilm von NEULAND anschauen und sich ein Bild von der artgerechten Tierhaltung bei NEULAND machen.

Neuland genießt das Renommee, für ethisch korrekten Konsum und artgerechte Tierhaltung einzustehen. Das Gütesiegel steht für Tiere, die im Freien gehalten werden und an die nur Körner aus der Region verfüttert werden sollen. Die Stiftung Warentest hat Neuland attestiert, auf Tierschutz besonderen Wert zu legen, und die Produkte als Alternative zu Bio empfohlen. Viele Menschen, aber auch große Verbraucher wie Betriebskantinen und Großküchen von Unternehmen, haben auf das Neuland-Konzept vertraut und für die Produkte deutlich höhere Preise gezahlt als für vergleichbare Produkte aus Massentierhaltung.
Die Marke ist das Aushängeschild großer und renommierter Umweltvereine. Um so schädlicher dürfte sich der aktuelle Skandal auswirken.

Die Träger des NEULAND-Vereins
Die Träger des NEULAND-Vereins

Neuland Kontrollverfahren

Insbesondere wird sich der Verein dem Vorwurf stellen müssen, ungenügende Kontrollverfahren implementiert zu haben. Der Imagefilm schließt mit diesen Statements:

Neuland-Versprechen
In seinem Imagefilm verspricht Neuland strenge Kontrollen

Die Neuland-Richtlinien besagen, dass jeder neu aufzunehmende Betrieb von Tierärzten des Deutschen Tierschutzbundes vor Ort testiert wird. Auch die Mitgliedsunternehmen sollen mindestens jährlich – ebenfalls vor Ort – kontrolliert werden:

„Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser!
Aus diesem einfachen Grund spielt die Kontrolle bei NEULAND eine besonders wichtige Rolle.
Vor der Mitgliedschaft bei NEULAND wird jeder landwirtschaftliche Betrieb von Tierärzten des Deutschen Tierschutzbundes besucht. Die schon bestehenden Mitgliedsbetriebe, sowohl Landwirte als auch Fleischer, werden mindestens einmal jährlich und selbstverständlich unangemeldet von einer externen Kontrollstelle auf die Einhaltung aller Richtlinien hin überprüft.
Seit 2005 führt die Gesellschaft für Ressourcenschutz (GfRS) diese Kontrollen durch. Die GfRS besitzt langjährige Erfahrungen im Bereich Bio-Zertifizierung, GLOBAL G.A.P., Rindfleisch-Etikettierung, sowie International Food Standard und kontrolliert unsere NEULAND-Mitglieder streng nach ihrem eigenen Motto: “Nicht glauben – prüfen!”

Warum die Kontrollen die langjährigen Verstöße gegen die Richtlinien bei dem Wietzener Landwirt nicht aufdeckten, ist noch ungeklärt. Neuland hat dazu eine Erklärung abgegeben, die auf der Homepage nachzulesen ist.
In der Stellungnahme führt Neuland an, dass bei den Regelkontrollen im Jahr 2013 weiterer Prüfbedarf festgestellt wurde, dass der Landwirt sich diesen weitergehenden Kontrollen aber durch Kündigung seiner Mitgliedschaft entzogen habe. Neuland habe dem Landwirt daraufhin sofort untersagt, noch weiterhin Geflügel unter dem Neuland-Label zu verkaufen. Neuland habe versucht, die bestehenden Lieferverträge durch Fleisch von anderen Neuland-Lieferanten zu erfüllen, was aber in der Zeit direkt nach der Kündigung nicht in vollem Umfang gelungen sei, da der Bedarf kurz vor Weihnachten besonders hoch sei. Dadurch sei Neuland auch erheblicher finanzieller Schaden entstanden.

Neuland hat am 16. April 2014 Strafanzeige gestellt. Der Verein geht davon aus, dass es sich um einen Einzelfall handelt, dem erhebliche kriminelle Energie zugrunde liegt. Dennoch sollen die Kontrollverfahren überprüft und verbessert werden, so Wolfgang Apel, Vorsitzender von NEULAND e.V.:
„Das NEULAND-Kontrollsystem ist umfassend gestaltet. Nachdem im Anfang 2013 die Unregelmäßigkeiten bei der Bredenbecker Geflügel GmbH festgestellt wurden, hat der Vorstand aber sofort reagiert, und die noch engmaschigere Gestaltung des Systems in Angriff genommen. Dieser Prozess läuft, wird nun aber intensiviert. Offensichtlich gibt es Schlupflöcher im NEULAND-Kontrollsystem, die wir so nicht erwartet haben. Wir haben nicht mit soviel krimineller Energie gerechnet. Aus diesen Fehlern werden wir lernen und ein Kontrollsystem entwickeln, welches ein hohes Maß an Transparenz vorsieht.“

Auch im Bereich der Bioprodukte hat es bereits Betrugsskandale gegeben. In diesen Fällen war das Vertrauen der Verbraucher meist mehrere Monate lang so gestört, dass die Verkaufszahlen der Produkte oder der Marken messbar sanken. Neuland ist sich dieser Gefahr wohl bewusst und ist dementsprechend an größtmöglicher Transparenz und schneller Aufklärung interessiert.

Eine kritische Auseinandersetzung mit Bioprodukten – Ernährung, Energie, Kleidung, Baustoffe